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Susann Pásztor – Ein fabelhafter Lügner Juli 19, 2011

Filed under: Romane — hilpirella @ 9:34 pm
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Joschi Molnar heißt der fabelhafte Lügner, dem der Buchtitel gewidmet ist und Joschi wäre dieser Tage 100 Jahre alt geworden.
Was weiß man über Joschi? Er war offenbar ein Frauenheld, zeugte er doch mit fünf Frauen fünf Kinder. Zwei seiner Kinder und seine zweite Frau wurden in Auschwitz ermordet, er selbst war in Buchenwald interniert – doch ansonsten hat er seine Biografie immer verändert oder ausgeschmückt.

Dreißig Jahre nach seinem Tod hat anlässlich dieses Jubiläums seine 16jährige Enkelin Lily ein Familientreffen angeregt: Es finden sich in Weimar also drei Halbgeschwister, jede(r) mit unterschiedlichen Erinnerungen an den Vater und seine einzige Enkelin Lily, aus deren frischer, unvoreingenommener Sicht die Geschichte erzählt wird.
Ein lesenswertes Buch über Familie und Identität.

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Eduardo Sacheri – Warten auf Perlassi April 29, 2011

Filed under: Erzählung,Romane — themaktima @ 4:12 pm
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Durch Zufall fand ich dieses Büchlein in unserer Stadtbücherei. Ich glaube, es lag an dem außerordentlich coolen Cover mit der rostigen Schüssel vor einer einsamen Tanke. Zum Glück einer der seltenen Fälle, in denen der Inhalt der Aufmachung in nichts nachsteht.
Wir folgen also Araoz auf der einsamen Zugfahrt nach O’Connor (!), einem Kaff in der Pampa bei Buenos Aires. Araoz will die Wahrheit wissen über ein entscheidendes Fußballspiel seines Clubs, das er als kleiner Junge im Stadion verfolgte und bei dem sein damaliges Idol Perlassi eine wichtige Rolle spielte. Warum er dazu nach O’Connor muss, müsst ihr schon selbst herausfinden – genauso, was in Araoz früher und jüngerer Vergangenheit passierte, damit ein so eigenwilliger Charakter dabei herauskommen konnte. Die ausgesprochen originelle, aber teilweise auch sehr traurige Story ist mit zahlreichen Rückblenden durchsetzt, und das so geschickt, dass es dem Lesefluss überhaupt keinen Abbruch tut; im Gegenteil, das Buch ist ein wahrer Lesegenuss. Und Sacheri (dessen erster Roman „Das Geheimnis ihrer Augen“ verfilmt wurde, was zur Oscarverleihung für den besten fremdsprachigen 2010 Film führte) schreibt hier wirklich nicht nur für Fußballfans. Nach „Nemesis“ hatte ich doch glatt behauptet, viele bessere Bücher würde es dieses Jahr wohl nicht geben, aber da habe ich die Rechnung ohne „Warten auf Perlassi“ gemacht. Genialer Stoff!

 

Melinda Nadj Abonji – Tauben fliegen auf November 29, 2010

Filed under: Romane — hilpirella @ 8:37 pm
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Ildiko ist Anfang zwanzig und lebt in zweiter Generation mit ihrer Schwester und ihren Eltern in einer kleinen Schweizer Gemeinde. Ihre Eltern sind in den Siebziger Jahren aus der Vojvodina, einem Gebiet im heutigen Serbien, in die Schweiz ausgewandert und haben sich dort einen einfachen Wohlstand hart erarbeitet. Als ungarische Serben waren sie in ihrer alten Heimat eine gut integrierte Minderheit – in der Schweiz werden sie immer „Jugos“ bleiben und sich Ausnutzung und mehr oder weniger offen gelebtem Fremdenhass gegenüber sehen.

Ildiko ist die Ich-Erzählerin in diesem Roman und sie erzählt nicht chronologisch, sondern in vielen Zeitsprüngen von ihrer Kindheit in der Vojvodina und später in der Schweiz, den alljährlichen Besuchen der Familie, dem Balkankrieg aus Sicht der Emigrierten und den Anfeindungen, denen die Familie ausgesetzt ist. Dabei schafft sie immer wieder authentische Bilder und Stimmungen.

„Tauben fliegen auf“ ist in einem tollen Tempo und Rhythmus geschrieben, der einen leider auch dazu verführt, das Buch schneller durchzulesen, als einem lieb wäre.