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Colson Whitehead – Der letzte Sommer auf Long Island August 19, 2011

Filed under: Romane — themaktima @ 9:01 pm
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Das ist tatsächlich mein vierter Coming-of-age-Roman innerhalb eines halben Jahres. Ich schreibe dies nachträglich, weil auch dieser Sommer der letzte war. Der Roman allerdings ist kein schlechter!

Ben schreibt erzählt aus seiner Erinnerung von seinem letzten unbeschwerten Sommerurlaub in den 80ern, als er für alle noch Benji war. Der pubertierende Junge ist afroamerikanischer Abstammung und gehört der damals noch recht wohlhabenden amerikanischen Mittelschicht an, was eine sehr interessante Perspektive eröffnet, denn er und die Jungs in seiner Clicque wären so gern echte Gangsta und sind doch nur verwöhnt und ausgesprochen angepasst. Seine Eltern stehen dem in nichts nach, wären anstatt satte Schwarze doch lieber rebellische Bürgerrechtler – sie predigen Benji und seinen Geschwistern fleissig und gehen ihnen auf den Sack.

Das klingt nach einem sehr spannenden Szenario, doch gelingt es Whitehead nicht ganz, diese Basis ausnutzen. Ich empfand das Beschriebene teilweise schon als etwas zäh. Vielleicht weicht aber mein Erfahrungshorizont einfach zu weit ab, und ich kann mit zu vielen Anspielungen und Reminiszenzen nichts anfangen. Der fast zwangsläufige Familienkonflikt wird dafür subtil in die Geschichte eingewoben und bleibt richtig hängen; die Erinnerungen an Benjis ersten Job in einer Eisdiele sind dann richtig grandios.

Whitehead versucht sich zum Abschluss des Buches noch an einem Höhepunkt, das geht aber eher in die Hose – kann dem Gesamtwerk aber nichts mehr anhaben. Ich habe das Buch jedenfalls gern gelesen, was nicht zuletzt am hervorragenen Erzählstil liegt. Daher bin ich auch sicher, dass ich mich nach weiteren Büchern von Colson Whitehead umsehen werde.

 

Roy Jacobsen – Der Sommer in dem Linda schwimmen lernte April 30, 2011

Filed under: Romane — hilpirella @ 9:06 pm
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Die Rückseite des Buches verrät: „Bestseller 2009 in Norwegen“. Ich bekenne: von Roy Jacobsen habe ich bisher noch nichts gehört noch gelesen, aber Norwegischer Bestseller? Kauf ich!

Der 10jährige Finn lebt mit seiner Mutter in einem trostlosen Wohnblock einer Osloer Vorstadtsiedlung. Es sind die Siebziger-Jahre, seinen Vater hat er nie kennengelernt, doch zu seiner Mutter hegt er eine sehr innige, liebevolle Beziehung.
Dieser Sommer, über den Finn hier schreibt ist ein bewegter Sommer: Linda, die Tochter seines Vaters aus zweiter Ehe wird bei Finn und dessen Mutter einziehen, ebenso wird ein Zimmer der ohnehin kleinen Wohnung aus Geldmangel an einen Untermieter vermietet. Linda entpuppt sich als äusserst wortkarges, dickes, schlafsüchtiges Kind – sie und Finn, der seine Freizeit am liebsten draußen auf Dreckhaufen und im Wald verbringt, könnten nicht verschiedener sein. Doch Finn schließt seine Halbschwester ins Herz, erlebt einen langen, intensiven Sommer, der ihn erwachsener werden lässt und ich als Leser habe eine zauberhafte Geschichte erlebt und wollte gleich eine (Zeit-)Reise nach Norwegen buchen.

 

Said Sayrafiezadeh – Eis essen mit Che Januar 24, 2011

Filed under: Romane — hilpirella @ 9:31 pm
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Said ist das dritte Kind einer jüdischen Amerikanerin und eines Iraners, die sich beide mit Leib und Seele dem Sozialismus verschrieben haben. Schon bald verlässt sein Vater die Familie und mit ihm die beiden älteren Geschwister – Said wächst bei seiner Mutter in armen Verhältnissen auf und muss sehr früh den Verzicht lernen. Oft ist dieser Verzicht nur aus Idealen heraus geboren, zum Bsp. darf er jahrelang keine Weintrauben essen, weil seine Mutter die Ausbeutung der Weintraubenbauern nicht unterstützen will. Der schmerzlichere Verzicht ist aber der Verzicht auf Emotionalität und eine Beziehung zu seinem Vater. Seine Mutter investiert mehr Zeit in die Partei denn in ein Familienleben und sein Vater schickt ihm zum Geburtstag statt eines persönlichen Briefes auch einfach mal einen sozialistischen Flyer oder sagt Treffen kurzfristig ab, weil er für den Sozialismus kämpfen muss.
Said beschreibt seine Lebensgeschichte und seine Sehnsucht mit viel Offenheit, allerdings ist bei mir der Funke nicht übergesprungen. Vielleicht hab ich mich aber auch von Titel und Cover irre leiten lassen und meine leichte Enttäuschung liegt darin begründet, dass ich ein insgesamt lustigeres Buch erwartet hatte.

 

Hansjörg Schertenleib – Cowboysommer Januar 6, 2011

Filed under: Romane — hilpirella @ 9:52 pm
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Zürich 1974: Hanspeter und Boyroth sind 17 als sie sich beim Fussballtraining kennenlernen. Hanspeter ist sofort von Boyroth fasziniert, die beiden werden schnell Freunde, frisieren gemeinsam ihre Mofas, kiffen und hören die Musik der 70er. Doch Boyroth ist eindeutig der coolere Typ und Hanspeter steht immer etwas im dessen Schatten. Hanspeter begibt sich auf eine Interrail-Reise, um sich von seinem Freund zu emanzipieren, aber auch um dessen Schwester Yolanda zu vergessen, in die er sich unsterblich verliebt hat.

Die beiden verbringen nur diesen einzigen Sommer 74 gemeinsam und treffen sich später sehr selten und eher zufällig, doch die tiefe Verbundenheit und Freundschaft bleibt über Jahrzehnte bestehen. Und auch die Liebe zu den alten Songs. Denn jede Freundschaft hat auch ihre Musik.
Time after time.

 

Gaetano Cappelli – Ferne Verwandte November 13, 2010

Filed under: Romane — hilpirella @ 9:06 pm
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Literatur aus Italien kommt mir eher selten in die Einkaufstasche (denn davon gibt’s verhältnismäßig wenig in meiner Buchhandlung um die Ecke), der Buchrückseite von „Ferne Verwandte“ las sich jedoch geschmeidig und die Kaufentscheidung war schnell getroffen.

Carlino wächst als Waise bei seiner spröden und herrischen Großmutter in einem Kaff in Süditalien auf und soll als deren einziger männlicher Enkel irgendwann die Olivenölfabrik übernehmen – doch Carlino träumt unablässig von einem Leben in Amerika, wo es ein Onkel zum Millionär geschafft hat und wo seine Eltern bei einem Flugzeugunglück ums Leben kamen.
So wächst Carlino in den wilden Siebzigern zwischen zwanzig Cousinen auf, die seine Hormone ganz schön in Wallung bringen und wo er sich als jugendlicher Hippie mit seinen Freunden treiben lässt. Doch sein Traum wird wahr und er reist nach Amerika…

Ich war während der Lektüre ziemlich hin- und hergerissen, denn wie ich finde, wechseln sich in diesem Roman ganz wundervolle Passagen und langatmige Szenen häufig ab. Insgesamt zählt dieses Buch aber aber sicher zu den Lesevergnügen.

 

Tim Winton – Atem August 5, 2010

Filed under: Romane — hilpirella @ 9:05 pm
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Eine Geschichte über Surfer? Eigentlich nicht mein Thema, aber das aktuelle Buch von Tim Winton musste es dann doch sein. Und obwohl es um’s Surfen geht und viel über Dünung und Wind und Wellen und Gischt geschrieben wird, ist dies doch nur der Rahmen für eine Geschichte über eine Freundschaft und über das Erwachsenwerden.

Der Roman spielt Ende der 60er Jahre / Anfang der 70er in Südaustralien, wo Bruce Pike, dessen Spitzname Pikelet (ein kleiner Pfannkuchen) ist und sein Freund Loonie ein paar Meilen von der Küste entfernt aufwachsen. Sie sind ungefähr 10 Jahre alt, als sie ihre Leidenschaft für das Wasser entdecken und ein Wettstreit beginnt, der im Laufe der Jahre zum Konkurrenzkampf wird. Sie wiedersetzen ich den Verboten ihrer Eltern und fahren immer wieder zum Surfen raus und sind gleichermaßen süchtig nach den Gefahren der immer größeren Wellen.

Ich hatte dieses Buch immer dabei, bin selbst eingetaucht in die Welt von Pike und Loonie, und habe es immer nur schweren Herzens aus der Hand gelegt. Wundervoll erzählt – volle Punktzahl!