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Joachim Gauck – Winter im Sommer – Frühling im Herbst August 13, 2012

Filed under: Memoiren — themaktima @ 10:16 pm
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Joachim Gauck - Winter im Sommer, Frühling im HerbstWie gut, dass Joachim Gauck doch noch Bundespräsident geworden ist; denn sonst hätte ich diese aussergewöhnliche Autobiographie wohl verpasst.

In vier großen Abschnitten erzählt Gauck (in Zusammenarbeit mit Helga Hirsch) über seine Jugendzeit in Rostock gegen Ende des Krieges und zu Beginn der DDR-Diktatur; von seiner persönlichen und beruflichen Entwicklung vom jungen Pastor zum erfahrenen, auch politisch aktiven Kirchenmann und Bürgerrechtler; über den allmählichen Beginn des Widerstands in der DDR und dem Sturz des Unrechtsregimes; und schlussendlich über die Stasi-Unterlagen-Behörde, deren Chef Gauck zehn Jahre lang war.

Wer sich für die jüngere deutsche Geschiche interessiert, wird begeistert sein.

Insbesondere die Kapitel über die Revolution in der DDR sowie über den – zu Beginn verblüffend chaotischen – Aufbau der Gauck-Behörde sind spannend und aufschlußreich. Ich muss jedoch zugeben: ich interessiere mich nicht sonderlich für Kirchenpolitik; vielleicht kamen mir daher die Passagen über sein Engagement als Pastor etwas länger vor.

Gauck schreibt jedoch nicht einfach seine Lebensgeschichte nieder, sondern hält vielmehr ein emotionales, oft mitreissendes Plädoyer für Freiheit und Eigenverantwortung. Seine Botschaft berührt, und sie macht Mut. Ich möchte daher die Lektüre von Gaucks Erinnerungen wirklich jedem uneingeschränkt empfehlen.

 

Valentin Senger – Kaiserhofstraße 12 Mai 19, 2010

Filed under: Memoiren — themaktima @ 2:32 pm
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Valentin Senger, russischer Jude und Sohn politisch aktiver Kommunisten, lebt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt in Deutschland: Es ist das Jahr der Machtübergabe an Hitler. Senger erzählt, wie er und seine Familie 12 Jahre lang versuchen, ihre wahre Identität zu verbergen und sich so vor dem sicheren Tod im Konzentrationslager zu retten.

Es ist unfassbar; äußerste Selbstverleugnung, eine merkwürdige Anhäufung von Zufällen, aber oft auch die Erfahrung unvermuteter Menschlichkeit in einem menschenverachtenden Staat ermöglichen Senger das Überleben.
Nicht nur ist „Kaiserhofstraße 12“ eine erstaunliches Dokument aus der Nazizeit, das unmittelbar deutlich macht, warum die Besetzung durch die Alliierten eine Befreiung und keine Niederlage Deutschlands war. Es ist auch ein Plädoyer für die Zivilcourage. Denn Valentin Senger stellt sich und uns die Frage, ob es nicht besser gewesen wäre, die selbstverachtende Haltung statt seiner selbst aufzugeben und für sich – und für andere! – zu kämpfen, auch wenn das den Tod bedeutet hätte.

Auch wenn Senger sicher kein großer Erzähler ist, und wenn auch die eine oder andere persönliche Passage (es geht recht oft um Frauen) etwas stören mag: Jeder, der sich für die jüngere deutsche Vergangenheit interessiert, sollte diese außergewöhnliche Geschichte lesen.


 

Jean-Louis Fournier – Wo fahren wir hin, Papa? Februar 26, 2010

Filed under: Memoiren — hilpirella @ 10:13 pm

Jean-Louis Fournier hat zwei geistig behinderte Söhne und schreibt in diesem schmalen Buch über seinen Schwierigkeiten, diese Kinder zu lieben, über seine Schuldgefühle, über seine Enttäuschungen, mit seinen Söhnen nie ganz normale Dinge machen zu können oder auf sie stolz zu sein.

Mit viel schwarzem Humor, Sarkasmus, Zärtlichkeit und einer gnadenlosen Ehrlichkeit nehmen wir Einblick in die Gedankenswelt eines Vaters von zwei Kindern, die immer anders sein werden und die das Vatersein auf die Probe stellen.

Mir ist dieses Buch sehr unter die Haut gegangen und kann es nur weiterempfehlen!

 

Francois Bizot – The Gate Dezember 24, 2009

Filed under: Memoiren — themaktima @ 12:57 pm
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„The Gate“ habe ich dieses Jahr aus Kambodscha mitgebracht. Es sind Memoiren des französischen Ethnologen Bizot, der Anfang der 70er in die Hände der Roten Khmer fällt und im Gefangenenlager auf Duch, den späteren Leiter des Vernichtungslagers S21 trifft und eine persönliche Beziehung zu ihm aufbaut. Ich habe mich sehr auf dieses Buch gefreut – nicht zuletzt, weil es einen spannenden Bezug zur Gegenwart hat, wird doch dem Folterer Duch dieser Tage in Phnom Penh der Prozeß gemacht. Leider war es dann doch eher eine Enttäuschung. Vielleicht auch deswegen, weil die Erwartung aufgrund der vielen Vorschußlorbeeren zu hoch war. Tatsächlich sind die erste Hälfte des Buchs und der Epilog recht gut und spannend – hier beschreibt Bizot seine Gefangenschaft in Duchs provisorischem Camp (es handelt sich dabei NICHT um Tuol Sleng!) – auch wenn die Dialoge zwischen den beiden nicht so ergiebig sind, wie ich gehofft hatte. Die Ereignisse der zweiten Hälfte finden vier Jahre später in der französischen Botschaft in Phnom Penh während der Zeit der Eroberung und Besetzung der Stadt durch die Roten Khmer statt. Dieser Teil ist mühsam zu lesen und schlicht langweilig. Das Schicksal der privilegierten französischen Diplomaten geht einem nicht wirklich nah, da hilft auch die eine oder andere tragische Ausnahme nichts. Ich habe mich wirklich gefragt, wie die vielen guten Reviews zustande kommen.

Wer sich für Kambodscha oder das ehemalige Indochina interessiert, dem lege ich zwei andere Bücher ans Herz: Zum einen „Die Kinder der Killing Fields“ von Erich Follath, das eine hervorragende Übersicht über Kambodschas Geschichte und Politik bis zum heutigen Tag bietet, und zum anderen „Durch die Stille der Nacht“ von Daran Kravanh, in dem der kambodschanische Co-Autor uns an seinem tragischen Schicksal während der Herrschaft der Roten Khmer teilhaben lässt.

Einen Pluspunkt gibt es doch noch: „The Gate“ hat unbestritten eins der coolsten Covers dieses Jahres. Es ist übrigens nicht in deutsch erhältlich.