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Colson Whitehead – Der letzte Sommer auf Long Island August 19, 2011

Filed under: Romane — themaktima @ 9:01 pm
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Das ist tatsächlich mein vierter Coming-of-age-Roman innerhalb eines halben Jahres. Ich schreibe dies nachträglich, weil auch dieser Sommer der letzte war. Der Roman allerdings ist kein schlechter!

Ben schreibt erzählt aus seiner Erinnerung von seinem letzten unbeschwerten Sommerurlaub in den 80ern, als er für alle noch Benji war. Der pubertierende Junge ist afroamerikanischer Abstammung und gehört der damals noch recht wohlhabenden amerikanischen Mittelschicht an, was eine sehr interessante Perspektive eröffnet, denn er und die Jungs in seiner Clicque wären so gern echte Gangsta und sind doch nur verwöhnt und ausgesprochen angepasst. Seine Eltern stehen dem in nichts nach, wären anstatt satte Schwarze doch lieber rebellische Bürgerrechtler – sie predigen Benji und seinen Geschwistern fleissig und gehen ihnen auf den Sack.

Das klingt nach einem sehr spannenden Szenario, doch gelingt es Whitehead nicht ganz, diese Basis ausnutzen. Ich empfand das Beschriebene teilweise schon als etwas zäh. Vielleicht weicht aber mein Erfahrungshorizont einfach zu weit ab, und ich kann mit zu vielen Anspielungen und Reminiszenzen nichts anfangen. Der fast zwangsläufige Familienkonflikt wird dafür subtil in die Geschichte eingewoben und bleibt richtig hängen; die Erinnerungen an Benjis ersten Job in einer Eisdiele sind dann richtig grandios.

Whitehead versucht sich zum Abschluss des Buches noch an einem Höhepunkt, das geht aber eher in die Hose – kann dem Gesamtwerk aber nichts mehr anhaben. Ich habe das Buch jedenfalls gern gelesen, was nicht zuletzt am hervorragenen Erzählstil liegt. Daher bin ich auch sicher, dass ich mich nach weiteren Büchern von Colson Whitehead umsehen werde.

 

Reinhard Stöckel – Der Lavagänger Mai 24, 2011

Filed under: Romane — hilpirella @ 9:37 pm
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Henri Helder, letzter Sproß einer Eisenbahnerfamilie, steht am Rande einer Lebenskrise: Seine Ehe löst sich zusehends auf, sein Job – er arbeitet für ein Dienstleistungsbranche für die Deutsche Bahn – wird in naher Zukunft von einer Software erledigt werden.
Da erbt er ein paar alte Lederschuhe von seinem Großvater mütterlicherseits, der schon vor Jahren für tot erklärt wurde und den Henri persönlich nicht kennengelernt hat. Doch um diesen Großvater, Hans Kaspar Brügg, ranken sich einige Geschichten: er soll die Welt bereist haben und irgendwann auf den Lavafeldern Hawaiis verdampft sein. Henri nimmt den Wink des Schicksals an und begibt sich auf Spurensuche: warum hat Hans Kaspar seine Heimat verlassen und ist nie zurückgekehrt?
Wie eine Komposition wechselt der Roman zwischen den verschiedenen Zeitebenen und baut eine besondere Spannung auf. Wundervolle Formulierungen machen dieses Buch zu einer wahren Freude!

 

Jonathan Franzen – Freiheit November 20, 2010

Filed under: Romane — hilpirella @ 10:07 pm
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Patty und Walter Berglund sind seit ihrer Collgezeit ein Paar und führen ein anscheinend zufriedenes Leben im durchnschnittlichen amerikanischen Mittelstand und Mainstream: Ein eigenes Haus in einer guten Wohngegend von St. Paul, zwei Kinder im Teenager-Alter, Patty eine hingebungsvolle Mutter und Hausfrau, Walter ein Anwalt und „grüner als Greenpeace“. Die beiden haben sich diese Welt geschaffen und beide treibt die Motivation, es besser als ihre eigenen Eltern zu machen.
Doch was entwickelt sich mit den Jahren aus den Idealen und Vorsätzen, was wird aus der Liebe? Als der Sohn Joey plötzlich ins Nachbarhaus zieht, um dort mit seiner ebenfalls minderjährigen Freundin und deren Eltern zusammenzuleben, beginnt Pattys Welt zu bröckeln: sie erkrankt an Depression und sucht Schutz in einer neuen Beziehung. Walter wiederum sucht seine Freiheit in der Verwirklichung eines Projekts zur Rettung einer Vogelart und geht dabei kuriose Kompromisse ein.

Franzens Roman „Die Korrekturen“ steht auf meiner persönlichen Die-besten-Bücher-aller-Zeiten-Liste und der erste Teil von „Freiheit“ knüpft auch dort an. Wundervoll genau beobachtet und mit diesen feinsinnigen Dialogen will man das Buch nicht zur Seite legen. Ich wünschte zum ersten Mal, ich hätte ein E-book gehabt, um überall und immer lesen zu können. Leider wurde aus „detailliert“ irgendwann in der Mitte des Buches „weit ausgeholt“, aber dennoch ist das Buch sehr empfehlenswert und ein echter Lesegenuss.

 

Edna Mazya – Über mich sprechen wir ein andermal Dezember 16, 2009

Filed under: Romane — hilpirella @ 9:22 am
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Nomi, eine selbstbewußte und eigenständige Verlegerin, pflegt seit Jahren eine funktionierende, glückliche Fernbeziehung zu einem Mann, den sie nur wenige Male im Jahr sieht. Nomi lebt in Israel und hat sich bisher geweigert, sich mit ihrer familiären Vergangenheit zu befassen: Ihre Eltern haben Sie verlassen als sie ein junges Mädchen war und sie hat niemals den Grund dafür erfahren.
Auf einer Reise nach Europa begibt sich Nomi auf die Spuren ihrer Vergangenheit. Anhand der Tagebücher ihrer Großmutter entschlüsselt sie die Geschichte ihrer Mutter und Großmutter und kommt sich selbst ein Stück näher.

Keine große literarische Entdeckung, aber guter Lesestoff für die langen, dunklen Abende…

 

Nancy Huston – Ein winziger Makel November 12, 2009

Filed under: Romane — hilpirella @ 5:24 pm
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winziger makel_ Sol ist sechs Jahre alt, lebt in New York, ist fürchterlich neunmalklug und wird von seiner Mutter geradezu ekelhaft verwöhnt. Von ihm ausgehend wird die Familiengeschichte zurück erzählt, die bis zu Sols Großmutter in das Europa des Zweiten Weltkriegs führt.
Dieser Familienroman ist natürlich ein Frauenbuch, kommt aber sehr unkitschig daher und kann daher uneingeschränkt empfohlen werden.

 

Jonathan Coe – Der Regen, bevor er fällt Mai 15, 2009

Filed under: Romane — hilpirella @ 10:02 pm
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Als Gills betagte, allein stehende Großtante Rosamond stirbt fällt es ihr zu, in deren abgelegenes Haus in der ländlichen Grafschaft Shropshire zu fahren und sich um den Nachlass kümmern. Sie findet vier Tonbandkassetten sowie einen Brief von Rosamond, mit der Bitte, Imogen -eine entfernte Verwandte- ausfindig zu machen und sie ihr zu schicken und falls sie sie nicht fände, die Kassetten selbst anzuhören.
Regen bevor er fällt Die Suche nach Imogen scheitert und so lesen wir die Tonbandaufzeichnungen von Rosamond, die an Imogen adressiert sind. In starken Bildern wird eine Familiengeschichte über drei Generationen erzählt und zeigt auf traurige Weise, wie bestimmte Muster weitergegeben werden.

Dieses Buch ist für mich keine Entdeckung, aber es ist sehr fesselnd geschrieben und ich habs in drei (regnerischen) Tagen durchgelesen.

 

Pieter Waterdrinker – Die Hochzeit von Zandvoort November 11, 2008

Filed under: Romane — hilpirella @ 5:26 pm
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In einem holländischen Küstenort laufen die Vorbereitungen für die Hochzeit von von Lisa und Ludo. Lisa ist die Tochter eines wohlhabenden Kölner Wurstfabrikanten und einer resoluten Bayerin, Ludo der Sohn eines holländischen Hotelier-Ehepaars und wir befinden uns in den späten 50er Jahren. Alle versuchen, den Krieg hinter sich zu lassen und der Wohlstand hat bereits Einzug in die beiden Familien gehalten doch läßt sich die Geschichte und die Erfahrungen, die während des Krieges und der Besatzung Hollands durch die Deutschen gemacht wurden, nicht einfach abschütteln.

Das Buch ist wunderbar leicht zu lesen, sehr amüsant aber nicht oberflächlich und man will es gar nicht mehr aus der Hand legen.