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Melinda Nadj Abonji – Tauben fliegen auf November 29, 2010

Filed under: Romane — hilpirella @ 8:37 pm
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Ildiko ist Anfang zwanzig und lebt in zweiter Generation mit ihrer Schwester und ihren Eltern in einer kleinen Schweizer Gemeinde. Ihre Eltern sind in den Siebziger Jahren aus der Vojvodina, einem Gebiet im heutigen Serbien, in die Schweiz ausgewandert und haben sich dort einen einfachen Wohlstand hart erarbeitet. Als ungarische Serben waren sie in ihrer alten Heimat eine gut integrierte Minderheit – in der Schweiz werden sie immer „Jugos“ bleiben und sich Ausnutzung und mehr oder weniger offen gelebtem Fremdenhass gegenüber sehen.

Ildiko ist die Ich-Erzählerin in diesem Roman und sie erzählt nicht chronologisch, sondern in vielen Zeitsprüngen von ihrer Kindheit in der Vojvodina und später in der Schweiz, den alljährlichen Besuchen der Familie, dem Balkankrieg aus Sicht der Emigrierten und den Anfeindungen, denen die Familie ausgesetzt ist. Dabei schafft sie immer wieder authentische Bilder und Stimmungen.

„Tauben fliegen auf“ ist in einem tollen Tempo und Rhythmus geschrieben, der einen leider auch dazu verführt, das Buch schneller durchzulesen, als einem lieb wäre.

 

Jonathan Franzen – Freiheit November 20, 2010

Filed under: Romane — hilpirella @ 10:07 pm
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Patty und Walter Berglund sind seit ihrer Collgezeit ein Paar und führen ein anscheinend zufriedenes Leben im durchnschnittlichen amerikanischen Mittelstand und Mainstream: Ein eigenes Haus in einer guten Wohngegend von St. Paul, zwei Kinder im Teenager-Alter, Patty eine hingebungsvolle Mutter und Hausfrau, Walter ein Anwalt und „grüner als Greenpeace“. Die beiden haben sich diese Welt geschaffen und beide treibt die Motivation, es besser als ihre eigenen Eltern zu machen.
Doch was entwickelt sich mit den Jahren aus den Idealen und Vorsätzen, was wird aus der Liebe? Als der Sohn Joey plötzlich ins Nachbarhaus zieht, um dort mit seiner ebenfalls minderjährigen Freundin und deren Eltern zusammenzuleben, beginnt Pattys Welt zu bröckeln: sie erkrankt an Depression und sucht Schutz in einer neuen Beziehung. Walter wiederum sucht seine Freiheit in der Verwirklichung eines Projekts zur Rettung einer Vogelart und geht dabei kuriose Kompromisse ein.

Franzens Roman „Die Korrekturen“ steht auf meiner persönlichen Die-besten-Bücher-aller-Zeiten-Liste und der erste Teil von „Freiheit“ knüpft auch dort an. Wundervoll genau beobachtet und mit diesen feinsinnigen Dialogen will man das Buch nicht zur Seite legen. Ich wünschte zum ersten Mal, ich hätte ein E-book gehabt, um überall und immer lesen zu können. Leider wurde aus „detailliert“ irgendwann in der Mitte des Buches „weit ausgeholt“, aber dennoch ist das Buch sehr empfehlenswert und ein echter Lesegenuss.

 

Gaetano Cappelli – Ferne Verwandte November 13, 2010

Filed under: Romane — hilpirella @ 9:06 pm
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Literatur aus Italien kommt mir eher selten in die Einkaufstasche (denn davon gibt’s verhältnismäßig wenig in meiner Buchhandlung um die Ecke), der Buchrückseite von „Ferne Verwandte“ las sich jedoch geschmeidig und die Kaufentscheidung war schnell getroffen.

Carlino wächst als Waise bei seiner spröden und herrischen Großmutter in einem Kaff in Süditalien auf und soll als deren einziger männlicher Enkel irgendwann die Olivenölfabrik übernehmen – doch Carlino träumt unablässig von einem Leben in Amerika, wo es ein Onkel zum Millionär geschafft hat und wo seine Eltern bei einem Flugzeugunglück ums Leben kamen.
So wächst Carlino in den wilden Siebzigern zwischen zwanzig Cousinen auf, die seine Hormone ganz schön in Wallung bringen und wo er sich als jugendlicher Hippie mit seinen Freunden treiben lässt. Doch sein Traum wird wahr und er reist nach Amerika…

Ich war während der Lektüre ziemlich hin- und hergerissen, denn wie ich finde, wechseln sich in diesem Roman ganz wundervolle Passagen und langatmige Szenen häufig ab. Insgesamt zählt dieses Buch aber aber sicher zu den Lesevergnügen.

 

Besuch BuchBasel 2010

Filed under: Veranstaltung / Lesung — themaktima @ 8:52 pm
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Ausgleich für den recht hohen Eintrittspreis von 16 Stutz: 5 Buchtaler im Wert von 5 Stutz.

Ausgleich für den recht hohen Eintrittspreis von 16 Stutz: 5 Taler im Wert von 5 Stutz.

2008 waren wir zum ersten Mal bei der „Buch.08“ in Basel. Die fand damals in der E-Halle statt – ein unserer Meinung nach toller Veranstaltungsort mit viel Charme. Und weil es uns damals so gut gefallen hat, haben wir uns sehr auf den diesjährigen Besuch gefreut.

(more…)

 

Ein Café für Lesehühner. November 11, 2010

Filed under: Romane — kikeriki @ 10:48 pm

 

Leander Kahney: Steve Jobs kleines Weißbuch – Die bahnbrechenden Managementprinzipien eines Revolutionärs

Filed under: Sachbuch — kikeriki @ 10:17 pm
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Hände weg, wer Bahnbrechendes sucht. Es ist durchaus interessant in zahlreichen Anekdoten zu lesen, wie Steve Jobs agiert und wie er es geschafft hat, ein Unternehmen, das kurz vor der Pleite steht, wieder auf Kurs zu bringen.
Aber: Die vom Autor (!!!) abgeleiteten über 70 Thesen als Handlungsempfehlungen für Führungskäfte, wie

–          Verwenden Sie Zuckerbrot und Peitsche, um zum Ziel zu kommen

–          Treten Sie Leute in den Hintern, um an Ihr Ziel zu kommen

–          Seien Sie nicht nur ein großer Einschüchterer, sondern auch ein großer Einschmeichler

–          Seien Sie ein Despot

sind nicht bahnbrechend, sondern schlicht abwertend. Der Rest der Thesen: Allgemeinplätze. Einzig die These „Mut zum Nein“ und zur konsequenten Weiterentwicklung von Produkten war im Bezug auf Steve Jobs Erfolgsgeschichte spannend. Dafür hätte es keine 75 Thesen gebraucht.

Steve Jobs kleines Weißbuch: Mut zum Nein

 

Antonio Tabucchi – Erklärt Pereira November 4, 2010

Filed under: Romane — themaktima @ 9:20 pm
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Ich habe glücklicherweise die Gelegenheit unseres kürzlichen Portugal-Urlaubs dazu genutzt, dieses kleine Büchlein zu lesen – schöner Anlass, tolles Buch.

Pereira ist ein alternder Kulturjournalist, der in Lissabon ohne jegliche Motivation vor sich hintreibt. Das faschistische Regime Salazars duldet er, auch wenn er es nicht gutheisst – aber das Hemd ist ihm immer noch näher als der Rock. Doch dann lernt er zwei junge Mitglieder des Widerstands kennen. Bald wankt die geordnete Welt des unpolitischen, demütigen Pereira; er wird nicht mehr derselbe sein.

Ich habe schon einige Bücher gelesen, die das Abstreifen des Gewohnten zum Thema haben (und auch hier auf dem Lesehuhn findet man so manche). Aber dieses ist die mit Abstand das interessanteste und glaubwürdigste. Unbedingt lesen, es ist einfach wunderbar.