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Chimamanda Adichie – Americanah Juni 4, 2015

Filed under: Romane — themaktima @ 11:27 pm
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Chimamanda Adichie - AmericanahSieht toll aus, das Buch, nicht? Es ist eine Lizenzausgabe für die Büchergilde Gutenberg. But… don´t judge the book by its cover. Den überschwenglichen Praise auf der Buchrückseite kann ich kaum nachvollziehen. Von einem „umwerfenden Roman“ ist die Rede (FAZ), sogar von einem „literarischen Triumph“ (Spiegel Online).

Chimamanda Adichie erzählt von Ifemelu, einer jungen Nigerianerin, die nach Amerika auswandert und so scheinbar den Traum verwirklicht, den viele ihrer Landsleute haben. Nach anfänglichem Überlebenskampf wird Ifemelu zur Bloggerin; sie schreibt über das Thema Rasse und Rassismus: „Schwarz wirst Du erst, wenn Du nach Amerika kommst“. Sie schafft es sogar bis nach Princeton, kehrt schließlich aber doch als „Americanah“ in ihre Heimat zurück. Ein hervorragendes Thema, und der Roman ist zu Beginn auch sehr vielversprechend. Leider verliert die Geschichte immer mehr an Fahrt. Und Adichie wiederholt sich. In der zweiten Hälfte der 600 Seiten wurde ich des Lesens wirklich müde. Schade.

Die besagten Lobeshymnen sind dann wohl auch einem Phänomen geschuldet, das Adichie in ihrem Buch unter anderem anprangert: Positive Diskriminierung.

 

Colson Whitehead – Der letzte Sommer auf Long Island August 19, 2011

Filed under: Romane — themaktima @ 9:01 pm
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Das ist tatsächlich mein vierter Coming-of-age-Roman innerhalb eines halben Jahres. Ich schreibe dies nachträglich, weil auch dieser Sommer der letzte war. Der Roman allerdings ist kein schlechter!

Ben schreibt erzählt aus seiner Erinnerung von seinem letzten unbeschwerten Sommerurlaub in den 80ern, als er für alle noch Benji war. Der pubertierende Junge ist afroamerikanischer Abstammung und gehört der damals noch recht wohlhabenden amerikanischen Mittelschicht an, was eine sehr interessante Perspektive eröffnet, denn er und die Jungs in seiner Clicque wären so gern echte Gangsta und sind doch nur verwöhnt und ausgesprochen angepasst. Seine Eltern stehen dem in nichts nach, wären anstatt satte Schwarze doch lieber rebellische Bürgerrechtler – sie predigen Benji und seinen Geschwistern fleissig und gehen ihnen auf den Sack.

Das klingt nach einem sehr spannenden Szenario, doch gelingt es Whitehead nicht ganz, diese Basis ausnutzen. Ich empfand das Beschriebene teilweise schon als etwas zäh. Vielleicht weicht aber mein Erfahrungshorizont einfach zu weit ab, und ich kann mit zu vielen Anspielungen und Reminiszenzen nichts anfangen. Der fast zwangsläufige Familienkonflikt wird dafür subtil in die Geschichte eingewoben und bleibt richtig hängen; die Erinnerungen an Benjis ersten Job in einer Eisdiele sind dann richtig grandios.

Whitehead versucht sich zum Abschluss des Buches noch an einem Höhepunkt, das geht aber eher in die Hose – kann dem Gesamtwerk aber nichts mehr anhaben. Ich habe das Buch jedenfalls gern gelesen, was nicht zuletzt am hervorragenen Erzählstil liegt. Daher bin ich auch sicher, dass ich mich nach weiteren Büchern von Colson Whitehead umsehen werde.

 

Philip Roth – Nemesis April 24, 2011

Filed under: Romane — themaktima @ 7:53 pm
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Nemesis - Philip RothZu diesem Roman muss ich nicht viel schreiben. Er handelt vom jungen Sportlehrer Bucky Cantor, der während des heißen Sommers 1944 im jüdisch geprägten Newark regelmäßig die Nachmittagsaufsicht über einen Haufen sportbegeisterter Jugendlicher übernimmt, als eine schwere Polioepidemie ausbricht (genau, es handelt sich um Kinderlähmung). Diese außergewöhnliche Geschichte über echtes, falsches, irrtümliches oder sinnloses Heldentum und Gott ist ein Meisterwerk – und das kommt mir nicht nur so vor, weil ich mich vorher durch „Brooklyn“ gequält habe. Obwohl bei diesem unfairen Vergleich allzu deutlich wird, warum Roth tatsächlich ein großartiger Erzähler ist, und Toibin schlicht überschätzt. Nur so als Beispiel: Das Lesehuhn Hilpirella und ich haben bei „Nemesis“ genau an der gleichen Stelle an den Anfang zurückgeblättert (bei „Brooklyn“ sind wir wahrscheinlich an der gleichen Stelle eingepennt).
Also lest einfach dieses Buch, viele bessere wird es dieses Jahr nicht geben!

 

Colm Toibin – Brooklyn März 22, 2011

Filed under: Romane — themaktima @ 9:15 pm
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Colm Toibin - BrooklynJa, da ist es mal wieder passiert. Ich muss endlich einsehen: Ich bin ein Ignorant. Leider erkenne ich Poesie nicht mal dann, wenn man sie mir auf den Bauch bindet. Nehmen wir mal Brooklyn von Colm Toibin, einem mit Preisen dekorierten, mehrfach für den Booker Prize nominierten irischen Gegenwartsautor. Toibin schreibt in seinem Roman über das Emigrantenschicksal der jungen Eilis, einer Irin, die aufgrund der aussichtslosen wirtschaftlichen Lage ihres Heimatlandes zur Auswanderung nach Amerika gedrängt wird. Das macht er sensibel, einfühlsam und völlig schnörkellos. Mit atmosphärisch dichter, intensiver Erzählweise taucht er die Metropole New York in das Licht des Alltags und berührt den Leser damit außerordentlich.

NUR ICH hab es nicht gemerkt. Hab mir das Buch aber einfach nochmal vorgenommen und zum Glück dann doch noch geschnallt:

„Eilis nahm einen Hefter und begann damit, dass sie das Überstundenformular jedes Angestellten an dessen normalen Lohnzettel heftete. Dann sortierte sie alles alphabetisch. Als sie damit fertig war, ging sie jedes einzelne Überstundenformular durch und errechnete anhand der Liste mit den Überstundensätzen, die je nach Dauer der Betriebszugehörigkeit und Grad der Verantwortlichkeit erheblich variierten, wieviel jedem Mann zustand, und addierte diesen Betrag zu seinem auf dem Lohnzettel ausgewiesenen regulären Lohn, so dass sie zuletzt für jeden Mann einen Gesamtbetrag hatte. Diesen trug sie in eine gesonderte Liste ein, die sie anschließend zusammenrechnen musste, um zu wissen, wieviel Geld erforderlich sein würde, um den Männern den ihnen zustehenden Lohn zu bezahlen. Die Arbeit war aufgrund der klaren Vorgaben unkompliziert, und sie nahm an, solange sie sich darauf konzentrierte, keine Fehler bei der Addition zu machen, und es im Tresor genügend kleine Banknoten und Münzen gab, wäre sie imstande, die Aufgabe zu bewältigen.“

Ist das nicht großartige Literatur? Leute, ich frage mich ernsthaft, wer von all denjenigen, die das Buch in den Himmel loben, mehr als den Klappentext gelesen haben. Der Roman ist – von Thema und Idee mal abgesehen – oberflächlich und mit äußerst simpler Sprache vorgetragen. „Brooklyn“ ist nicht poetisch, sondern banal und ziemlich öde. Wer sich also durch 300 Seiten langweilen will, sollte „Brooklyn“ auf jeden Fall kaufen.

 

Jonathan Franzen – Freiheit November 20, 2010

Filed under: Romane — hilpirella @ 10:07 pm
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Patty und Walter Berglund sind seit ihrer Collgezeit ein Paar und führen ein anscheinend zufriedenes Leben im durchnschnittlichen amerikanischen Mittelstand und Mainstream: Ein eigenes Haus in einer guten Wohngegend von St. Paul, zwei Kinder im Teenager-Alter, Patty eine hingebungsvolle Mutter und Hausfrau, Walter ein Anwalt und „grüner als Greenpeace“. Die beiden haben sich diese Welt geschaffen und beide treibt die Motivation, es besser als ihre eigenen Eltern zu machen.
Doch was entwickelt sich mit den Jahren aus den Idealen und Vorsätzen, was wird aus der Liebe? Als der Sohn Joey plötzlich ins Nachbarhaus zieht, um dort mit seiner ebenfalls minderjährigen Freundin und deren Eltern zusammenzuleben, beginnt Pattys Welt zu bröckeln: sie erkrankt an Depression und sucht Schutz in einer neuen Beziehung. Walter wiederum sucht seine Freiheit in der Verwirklichung eines Projekts zur Rettung einer Vogelart und geht dabei kuriose Kompromisse ein.

Franzens Roman „Die Korrekturen“ steht auf meiner persönlichen Die-besten-Bücher-aller-Zeiten-Liste und der erste Teil von „Freiheit“ knüpft auch dort an. Wundervoll genau beobachtet und mit diesen feinsinnigen Dialogen will man das Buch nicht zur Seite legen. Ich wünschte zum ersten Mal, ich hätte ein E-book gehabt, um überall und immer lesen zu können. Leider wurde aus „detailliert“ irgendwann in der Mitte des Buches „weit ausgeholt“, aber dennoch ist das Buch sehr empfehlenswert und ein echter Lesegenuss.