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Hallgrimur Helgason – Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen Mai 24, 2010

Filed under: Romane — hilpirella @ 9:47 pm
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Tomislav alias Toxic ist aus Kroatien nach New York gekommen und arbeitet als Auftragskiller, denn das Töten hat er im Balkankrieg gelernt. Er schwimmt auf der Welle des Erfolgs, hat er doch gerade seinen dritten Sixpack erreicht (so nennt man im Killerfachjargon, wenn man sechs Opfer mit nur einem Schuss tötet) und eine ziemlich heiße Freundin. Da entpuppt sich sein letztes Opfer als Undercover FBI Agent.
Toxic muss verschwinden und landet rein zufällig in Island – mit der Identität eines amerikanischen Fernsehpredigers. Und dann kommt noch eine butterblonde isländische Frau mit einer Haut wie Frischkäse sowie der Grand Prix Eurovision ins Spiel…

Dieses Buch ist zum Schreien lustig: Die unaussprechlichen Namen der Isländer und deren Eigenheiten, das mit Moos überzogene kalte Land, der liebenswerte Profikiller, der einfach seinen Job gut machen will.
Aber es gibt auch einen ernsthaften Erzählstrang, der sich langsam entwickelt und wie ich finde mit viel Feingefühl eingeflochten ist.

Im Übrigen macht diese Lektüre auch Lust, mal nach Island zu reisen, auch wenn die Menschen dort etwas schräg zu sein scheinen und ein unausprechlicher Vulkan nicht aufhören will, Asche zu spucken.

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Valentin Senger – Kaiserhofstraße 12 Mai 19, 2010

Filed under: Memoiren — themaktima @ 2:32 pm
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Valentin Senger, russischer Jude und Sohn politisch aktiver Kommunisten, lebt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt in Deutschland: Es ist das Jahr der Machtübergabe an Hitler. Senger erzählt, wie er und seine Familie 12 Jahre lang versuchen, ihre wahre Identität zu verbergen und sich so vor dem sicheren Tod im Konzentrationslager zu retten.

Es ist unfassbar; äußerste Selbstverleugnung, eine merkwürdige Anhäufung von Zufällen, aber oft auch die Erfahrung unvermuteter Menschlichkeit in einem menschenverachtenden Staat ermöglichen Senger das Überleben.
Nicht nur ist „Kaiserhofstraße 12“ eine erstaunliches Dokument aus der Nazizeit, das unmittelbar deutlich macht, warum die Besetzung durch die Alliierten eine Befreiung und keine Niederlage Deutschlands war. Es ist auch ein Plädoyer für die Zivilcourage. Denn Valentin Senger stellt sich und uns die Frage, ob es nicht besser gewesen wäre, die selbstverachtende Haltung statt seiner selbst aufzugeben und für sich – und für andere! – zu kämpfen, auch wenn das den Tod bedeutet hätte.

Auch wenn Senger sicher kein großer Erzähler ist, und wenn auch die eine oder andere persönliche Passage (es geht recht oft um Frauen) etwas stören mag: Jeder, der sich für die jüngere deutsche Vergangenheit interessiert, sollte diese außergewöhnliche Geschichte lesen.


 

Graham Greene – Die Reisen mit meiner Tante Mai 16, 2010

Filed under: Krimis,Romane — themaktima @ 8:55 pm

Der pensionierte Bankangestellte Henry Pulling kommt während der Beerdigung seiner Mutter mit seiner Tante ins Gespräch. Ein verhängnisvolles Zusammentreffen, denn die 75jährige hatte eine lebhafte Vergangenheit – und ihre Gegenwart steht dieser offenbar in nichts nach. Henry wird aus seiner berechenbaren und sicheren kleinen Welt in das Abenteuer Leben katapultiert.

„Die Reisen mit meiner Tante“ ist ein manchmal skurriler Roman mit parabelhaften Zügen, der nicht zuletzt davon profitiert, dass Greene ihn erst 1969 geschrieben hat. Darin kommen in loser Reihenfolge vor: Ein bisschen Krimi, ein bisschen Religion, ein bisschen die Moral, ein bisschen Pot und nicht zuletzt sein unverwechselbarer schwarzer Humor. Ein tolles Buch, das leider keine Sau kennt.


 

Annika Reich – Durch den Wind Mai 4, 2010

Filed under: Romane — hilpirella @ 10:23 pm

Vier Frauen, thirtysomething, Berlin Mitte. Ich hatte beim Kauf große Befürchtungen, an eine gedruckte, deutsche Version von Sex and the City geraten zu sein, doch die vier Frauen in „Durch den Wind“ haben weder Schuhticks noch quatschen sie alle aufgeregt durcheinander.

Da haben wir Yoko, die vor Ihrer Familie und der strengen Tradition in Japan geflohen ist und in Berlin ein freies, sexuell unabhängiges Leben führt und jegliche Bindung scheut. Friederike führt imaginäre Gespräche mit Salman Rushdies Tante (und nebenbei bemerkt wünsche ich mir einen Laden, wie sie ihn führt). Alison sucht ihren Mann und ihre Doppelgängerin und reist dabei um die halbe Welt. Siris fragile Welt bricht zusammen, als sie von der Trennung ihrer Großeltern erfährt…


Sie stehen alle an einem Punkt im Leben, an dem sie sich fragen, ob sie den richtigen Weg gegangen sind oder stellen fest, dass sich das Leben nicht richtig anfühlt und fragen sich, wie sie diesen Zug anhalten können. „Ich verbringe mein Leben, ich lebe es nicht“ – dies ist einer der Sätze, der den Seelenzustand der Protagonisten vermittelt.

Annika Reich hat hier einen Roman geschrieben, der unterhaltsam ist, ein bisschen skurril, und einen sehr berührt. Sie bringt das Lebensgefühl weiblicher, urbaner Mitt-Dreißiger auf den Punkt.