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Sabrina Janesch – Katzenberge August 16, 2010

Filed under: Romane — themaktima @ 7:21 pm
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Die junge Journalistin Nele ist zur Hälfte polnischer und zur Hälfte deutscher Abstammung und lebt in Berlin. Auf der Beerdigung ihres Opas in Polen, der mitsamt seines Dorfes aus Galizien in der Ukraine vertrieben wurde und in Schlesien ein neues Zuhause gefunden hatte, sticht sie der Hafer: Sie wird sich spontan auf eine Reise zu den Wurzeln ihres Opas, den sie liebevoll „Djadjo“ nennt, begeben und seiner Vergangenheit nachspüren, über der Andeutungen – aber auch beharrliches Schweigen – ihrer polnischen Verwandten wie ein Schleier liegen.

Geschickt verknüpft Sabrina Janesch die Aufenthalte ihrer Fahrt gen Osten mit den Stationen der Flucht ihres Großvaters und erzählt so dessen Geschichte rückwärts – von der Ankunft in der neuen Heimat bis zu seiner Geburt. Eindrücklich, anrührend und spannend ist sie, die Story des kauzigen und öfters umnachteten Eigenbrötlers. Dafür kann es nur 5 Sterne geben!
Tja, und dann gibt es eben den Gegenwartsstrang. Nele langweilt oder nervt abwechselnd mit Beziehungsproblemen, läutenden Handys und gelegentlicher Überreaktion in alltäglichen Situationen. Stellenweise sinkt die Erzählung dabei sogar auf Schulaufsatzniveau. Wie, um Himmels Willen, passt das denn zusammen?
Dennoch ist „Katzenberge“ insgesamt ein gutes Buch. Wem das Thema liegt, wird zufrieden sein.

Hier liest Sabrina Janesch übrigens ein paar Zeilen aus dem Buch (allerdings schon ziemlich weit hinten).


 

Valentin Senger – Kaiserhofstraße 12 Mai 19, 2010

Filed under: Memoiren — themaktima @ 2:32 pm
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Valentin Senger, russischer Jude und Sohn politisch aktiver Kommunisten, lebt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt in Deutschland: Es ist das Jahr der Machtübergabe an Hitler. Senger erzählt, wie er und seine Familie 12 Jahre lang versuchen, ihre wahre Identität zu verbergen und sich so vor dem sicheren Tod im Konzentrationslager zu retten.

Es ist unfassbar; äußerste Selbstverleugnung, eine merkwürdige Anhäufung von Zufällen, aber oft auch die Erfahrung unvermuteter Menschlichkeit in einem menschenverachtenden Staat ermöglichen Senger das Überleben.
Nicht nur ist „Kaiserhofstraße 12“ eine erstaunliches Dokument aus der Nazizeit, das unmittelbar deutlich macht, warum die Besetzung durch die Alliierten eine Befreiung und keine Niederlage Deutschlands war. Es ist auch ein Plädoyer für die Zivilcourage. Denn Valentin Senger stellt sich und uns die Frage, ob es nicht besser gewesen wäre, die selbstverachtende Haltung statt seiner selbst aufzugeben und für sich – und für andere! – zu kämpfen, auch wenn das den Tod bedeutet hätte.

Auch wenn Senger sicher kein großer Erzähler ist, und wenn auch die eine oder andere persönliche Passage (es geht recht oft um Frauen) etwas stören mag: Jeder, der sich für die jüngere deutsche Vergangenheit interessiert, sollte diese außergewöhnliche Geschichte lesen.


 

Edward P. Jones – Die bekannte Welt Juni 1, 2009

Filed under: Romane — themaktima @ 1:16 pm
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Henry Townsend lebt in den USA und ist schwarz – eigentlich nicht die besten Voraussetzungen für ein ruhiges Leben, denn wir befinden uns in der Vorphase des amerikanischen Bürgerkriegs. Doch Henry ist nicht wie die meisten anderen Schwarzen Eigentum eines weißen Sklavenhalters: Er ist frei und besitzt selbst eine Plantage nebst Sklavensiedlung. Auf diesem  Fundament errichtet Jones ein komplexes erzählerisches Gebäude, in dem Herren und Sklaven in allen denkbaren Konstellationen ein und aus gehen.

Jones_Die_bekannte_WeltGebannt habe ich die oft tragischen Einzel- und Familienschicksale der schwarzen und weißen Südstaatenbewohner verfolgt. Der Einstieg fällt zwar nicht ganz leicht, denn die Story ist nichtlinear erzählt und zahlreiche Personen betreten die historische Bühne (so dass es sich lohnt, ab und zu im Personenverzeichnis hinten im Buch nachzuschlagen). Ich habe mich jedoch schnell daran gewöhnt und wurde mit einem faszinierenden und bewegenden Roman belohnt, der eine ungewöhnliche Perspektive auf die Sklaverei in den USA zwischen 1840 und 1860 vermittelt. Das Buch wurde 2004 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Für mich nach „Alles umsonst“ das zweite echte Highlight dieses Lesejahres.

 

Walter Kempowski – Alles umsonst Mai 16, 2009

Filed under: Romane — themaktima @ 6:55 pm
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Ostpreußen Ende des 2. Weltkriegs: Die Front löst sich auf, die Rote Armee ist auf dem unaufhaltsamen Vormarsch. Doch sogar im Niedergang ist die Macht der Propaganda der Nazis ungebrochen. So kommt es, dass man sich auf dem Landgut Georgenhof über den Ernst der Lage nicht im Klaren ist – obwohl immer mehr Besucher auf dem Weg nach Westen auf dem Hof haltmachen.Kempowski_Alles_umsonst

„Alles umsonst“ ist ein Roman über das Ende des dunkelsten Kapitels deutscher Geschichte. Und es ist eine Familientragödie, deren Ursprung schon Jahre zurückliegt und die nun mit leisen Andeutungen zutagegefördert wird.

Kempowskis Roman beginnt lebendig, um dann gegen Ende eine fast überwältigende Wucht zu entwickeln. Nicht zuletzt durch seinen dokumentarischen Charakter ist „Alles umsonst“ ein mitreißendes und erschütterndes Buch.

 

Lukas Bärfuss – 100 Tage Januar 4, 2009

Filed under: Romane — themaktima @ 8:08 pm
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100 Tage – das Synonym für den Völkermord in Ruanda im Jahr 1994. David Hohl, zu dieser Zeit Mitarbeiter der Schweizer Entwicklungshilfe vor Ort, erzählt von diesen 100 Tagen, in denen er sich in einem Haus in Kigali versteckt hält. Und er erzählt, wie es dazu kam – denn zu dieser Zeit haben alle seine Kollegen das Land bereits verlassen. 

Bärfuss_100_Tage

Und darum geht´s auch in dem außergewöhnlichen Roman: Nicht die Passivität der UN, der westlichen Militärmächte oder der in Ruanda stationierten Friedenstruppen stehen im Mittelpunkt Bärfuss´ Anklage, sondern Entwicklungshilfeorganisationen mit falschen Motiven und den daraus erwachsenden Konsequenzen. 

Wieder ein Buch aus der Schweiz, das mir sehr gut gefallen hat – auch wenn Bärfuss vielleicht nicht mit dem gleichen Sprachtalent wie Rolf Lappert ausgestattet ist. Das spannende Thema, die ungewohnte Perspektive und ein krasser Tempowechsel machen „100 Tage“ zu einem prima Wurf.