Eine gutsituierte Wohngegend in Stuttgart: Man zeigt seinen Wohlstand, die Kinder sind in der Waldorfschule, der Fernseher ist abgeschafft, Gemüse kauft man beim überteuerten türkischen Gemüsehändler an der Ecke, man wählt genau aus, zu welchen Nachbarn man Kontakte hat und pflegt Rituale wie um sich selbst zu versichern, dass man das Richtige tut. Doch diese heile Welt hat eine ungeahnte zweite Seite: Tablettensucht, Selbstzweifel und Schuldgefühle sind der Preis für das scheinbar glückliche Leben. Eine detailliert beobachtete Soialstudie – empfehlenswert!
Anna Katharina Hahn – Kürzere Tage November 22, 2009
Daniel Kehlmann – Ruhm November 22, 2009
Eine Schriftstellerin verschwindet bei einer Reise durch eine ehemalige Sowjetrepublik, ein berühmter Schauspieler tauscht seine Identität unfreiwillig mit einem Doppelgänger, ein Ingeniuer erhält Anrufe, die nicht für ihn bestimmt sind und manipuliert damit ein anderes Leben…
Neun ganz unterschiedliche Geschichten greifen episodenhaft ineinander und daraus ensteht laut Cover ein Roman. Das empfinde ich nicht so, für mich bleiben es Kurzgeschichten, aber diese sind für sich betrachtet sehr lesenswert.
Peter Stamm – Sieben Jahre November 18, 2009
Alexander steht seit seiner Studentenzeit zwischen zwei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Iwona, eine sehr katholische Polin lebt illegal in Deutschland und hält sich mit Aushilfsjobs über Wasser. Sie ist wortkarg, langweilig, prüde und passiv. Sonja hingegen, Architektin und Studienkollegin von Alexander, ist schön, ehrgeizig und weltgewandt (wenn auch ebenso prüde wie Iwona).
Alexander heiratet Sonja, die beiden sind gemeinsam beruflich erfolgreich und ein scheinbar glückliches Paar, doch seine obsessive Beziehung zu Iwona lässt ihn nicht los. Lieben kann er beide Frauen nicht und das ist wohl das eigentlich Tragische an dieser Geschichte.
Ich liebe die Kurzgeschichten von Peter Stamm und von diesem Roman hatte ich mir daher mehr erwartet. Mich haben die Charaktere und die Geschichte leider nicht überzeugt.
Herta Müller – Atemschaukel November 14, 2009
Ohne die Verleihung des Literaturnobelpreises an Herta Müller hätte ich dieses Buch wohl nie gelesen. Kaum war es wieder verfügbar, war ich doch zu neugierig und habe die „Atemschaukel“ aus der Buchhandlung entführt. Leopold Auberg erzählt uns seine Geschichte – die Geschichte eines mit seiner Familie in Rumänien lebenden Deutschen, der – nur 17 Jahre alt – Ende des 2. Weltkriegs nach Russland deportiert wird, um die kommenden fünf Jahre in einem Zwangsarbeitslager zu fristen.
Sicher ist die „Atemschaukel“ nicht jedermanns Sache. Man muß sich schon an die Geschichte gewöhnen, ein Lesegenuß ist sie schon aufgrund des bedrückenden Themas zu Anfang nicht. Jedoch: Mich hat sie nach kurzer Zeit außerordentlich gefesselt. Ich möchte hier vor allem der allenthalben geäußerten Kritik entgegentreten, das Buch sei aufgrund der an Poesie grenzenden Sprache nicht glaubwürdig, Müllers vielgelobter Schreibstil nur Selbstzweck. Ich habe das ganz anders empfunden; die „Atemschaukel“ offenbart die ganze Qual eines eingesperrten, verfolgten und niedergedrückten Intellekts.
F. Scott Fitzgerald – Der seltsame Fall des Benjamin Button November 12, 2009
Eines steht nach dieser Lektüre fest: Man sollte viel öfter mal was von F. Scott Fitzgerald lesen! Dieses kleine Buch bringt es gerade mal 67 Seiten und ist so herrlich geschrieben, dass man um jede Seite trauert, die man umblättert. Die Geschichte, die die literarische Vorlage für die Verfilmung mit Brad Pitt und Cate Blanchett, handelt von einer „Rückwärtsalterung“, also einem Kind, das als alter Mann auf die Welt kommt und der von Jahr zu Jahr immer jünger wird.
Habe auch „Der große Gatsby“ als tolles Buch in Erinnerung und muss mir unbedingt noch weiteren Lesestoff von Fitzgerald besorgen….
Nancy Huston – Ein winziger Makel November 12, 2009
Sol ist sechs Jahre alt, lebt in New York, ist fürchterlich neunmalklug und wird von seiner Mutter geradezu ekelhaft verwöhnt. Von ihm ausgehend wird die Familiengeschichte zurück erzählt, die bis zu Sols Großmutter in das Europa des Zweiten Weltkriegs führt.
Dieser Familienroman ist natürlich ein Frauenbuch, kommt aber sehr unkitschig daher und kann daher uneingeschränkt empfohlen werden.
Herr Eichhorn und der Mond – Sebastian Meschenmoser Oktober 29, 2009
Das erste Kinderbuch auf dem Lesehuhn! Und das hat auch einen süßen Grund, denn die anderen beiden Lesehühner können just seit dieser Woche Kinderbuch-Tipps gebrauchen.
„Herr Eichhorn und der Mond“ ist eine wunderbare, kurze Geschichte über das Eichhörnchen und seine Freunde, die den Mond finden und versuchen diesen wieder an den „Himmel“ zu bekommen. Die Geschichte bringt einen zum Schmunzeln – die Bleistiftzeichnungen sind wunderschön.
Ein Buch, mit dem kleinere und gößere Kinder und auch die ganz Großen viel Freude haben.
Verbrechen von Ferdinand von Schirach Oktober 19, 2009
Über diesen Kurzgeschichtenband ist in den letzten Monaten viel Positives berichtet worden.
Schirach schreibt so souverän, klar und einfach, als hätte er nie etwas anderes gemacht [...] er ist ein großartiger Erzähler’ DER SPIEGEL
‘Ein wunderbares Debüt, fesselnd von der ersten Seite an und ohne jeden falschen Ton.’ FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG
Zu recht.
Ferdinand von Schirach ist von Beruf Anwalt. Mit einer knappen, klaren Sprache beschreibt er Fälle seiner Laufbahn. Dabei entstehen schnörkellose Psychogramme der Täter und Geschichten die, trotz ihrer Sachlichkeit, zum Teil schon fast erfunden wirken. Er verzichtet dabei auf langatmige Prozessbeschreibungen und Darstellungen, wie er die Angeklagten verteidigt hat.
Da sind ein Arzt, der mit über 70 Jahren die Frau, mit der ein Leben lang verheiratet war und die ihn ebenso lange gequält hat, mit der Axt zerteilt, eine Schwester, die ihren Bruder umbringt, ein Schafe mordernder Jugendlicher, der überall Zahlen sieht oder ein Student der aus Liebe seine Freundin auffressen möchte.
„Verbrechen“ versucht zu erklären: Jedes Verbrechen steht in einem kausalen Zusammenhang – hinter jedem Verbrechen steht die Geschichte eines Menschen, anhand der die Schuldfrage zu messen ist.
Nicht alle elf Geschichten haben mich gleichermaßen begeistert – das mag aber auch etwas sehr persönliches sein und muss nicht zwingend mit der Qualität der Geschichten zu tun haben.
Lesen und staunen.
Michael Chabon – Die Vereinigung jiddischer Polizisten Oktober 18, 2009
Hier kommt ein Kriminalroman! „Die Vereinigung jiddischer Polizisten“ möchte ich allen Krimifans ans Herz legen, aber auch denjenigen, die sich normalerweise nicht so sehr für Krimis interessieren, und zuguterletzt der Mehrzahl der derzeit angesagten Krimiautoren – so können die nämlich erfahren, dass es durchaus gelingen kann, von dem Einheitsbrei runterzukommen, der in den letzten Jahren so publiziert wird.
Denn Chabon schreibt kurzerhand die Weltgeschichte um und erschafft so das Spannungsfeld, in dem sich ein intelligenter Kriminalfall – gewürzt mit einer gehörigen Prise Politik – entspinnen kann. Ende des zweiten Weltkriegs wurden die Juden durch Krieg aus ihrem gerade gegründeten Staat Israel vertrieben und in einer Exklave an der Küste Alaskas versammelt, wo sie im Dauerkonflikt mit den indianischen Ureinwohnern und unter Beobachtung der einzigen Weltmacht USA leben. Der Distrikt Sitka, in dem der Roman spielt, soll 2007 jedoch im Zuge der sogenannten „Reversion“ wieder Teil der Vereinigten Staaten werden; den Juden droht erneut die Zerstreuung über die bewohnte Welt.
Da geschieht ein Mord, dessen Brisanz sich im Laufe der Geschichte herausstellen wird: Im heruntergekommenen Hotel Zamenhof, dem temporären Wohnsitz des ebenso heruntergekommenen, rauchenden, saufenden und geschiedenen Kriminalbeamten Meyer Landsman (der bleibt übrigens den ganzen Roman durch so kantig), wird ein Junkie erschossen aufgefunden. Neben dem Bett eine unvollendete Schachpartie: Unspektakulärer Beginn einer spektakulären Geschichte.
Neben der irrwitzigen Story besticht Chabons Wortwitz; der Mann ist ein echtes Sprachtalent. Und die Übersetzung von Andrea Fischer schafft es ganz offensichtlich, den originellen Stil zu erhalten. Eigentlich möchte man sich spätestens alle drei Seiten ein Zitat herausschreiben.
Vielleicht hat das Buch ein paar Seiten zu viel; und es ist auch keine ganz einfache Lektüre, nicht unbedingt ein Pageturner. Aber wer sich ein wenig Zeit nimmt, wird mit einem hervorragenden Krimi der anderen Art belohnt.
Laurens von der Post – Gedicht Oktober 8, 2009
Am Ende dachte ich,
dass unter allen Sehnsüchten,
die das menschliche Herz bedrängen
für mich am größten
das immerwährende Verlangen ist,
das, was noch so ganz jung ist
in uns allen,
mit dem zu versöhnen,
was schon ach so alt ist.
